Kontaktlehrer, Bildungs-Plan und Bildungs-Logbuch


140119_human-rights-logo

Jeder hat das Recht auf Bildung. Die Bildung ist unentgeltlich, zum mindesten der Grundschulunterricht und die grundlegende Bildung. Der Grundschulunterricht ist obligatorisch. Fach- und Berufsschulunterricht müssen allgemein verfügbar gemacht werden, und der Hochschulunterricht muss allen gleichermaßen entsprechend ihrer Fähigkeiten offen stehen. …“

UNO, Allgemeine Erklärung der Menschenrechte, Artikel 26 (1)

 

Florian (A) und Niels (DK) – Berufsorientierung – Berufsschule – Lehre.

 

Kontaktlehrer, Bildungs-Plan und Bildungs-Logbuch

140117_buch-die-zukunft-der-lehrlinge

 

„Lehre!
Die Schatzkammer der beruflichen Fachberufselite!“

Tiroler Fachberufsschule St. Nikolaus [1]


Die Berufsschule begleitet den Lehrling im Dualen System über die Lehrabschlussprüfung zum Gesellen und damit zum voll integrierten Mitglied in der Gesellschaft. Seit kurzen sind auch zusätzliche Abschlüsse und Zusatzqualifikationen, wie die Ablegung der Matura während der Lehrzeit, damit der Zugang zur Universität und die Durchgängigkeit der Ausbildungen, zur Realität geworden.

Die nachfolgenden Ausführungen geben Einblick in das Duale System der Lehre in Österreich und im Vergleich dazu, in das Berufsausbildungssystem in Dänemark. Bei den Ausführungen begleiten uns beispielhaft Florian aus Österreich und Niels aus Dänemark.


Die Geschichte von Florian (A) ‑ Florian lernt nach der Schule einen Beruf

Florian[2] besucht eine Polytechnische Schule (PTS) in Wien. Für Florian endet mit Abschluss der Polytechnischen Schule die Schulpflicht. Florian ist froh, die Schule hinter sich lassen zu können, weil er nicht gerne zur Schule geht. Er arbeitet lieber handwerklich und freut sich schon auf einen Lehrbetrieb. Florians Lehrerin hat viele Betriebsbesuche organisiert, damit ihre Schüler die unterschiedlichsten Betriebe und Berufe kennen lernen konnten. Sie hat auch Bildungsberater von außerhalb der Schule eingeladen, die den Schülern aus der Praxis erzählt haben und ihre Fragen beantwortet haben. Florian möchte IT‑Techniker, das ist ein Techniker in der Informationstechnologie (IT), werden. Florian kennt sich gut mit Computern aus. Oft sitzt er stundenlang an seinem Personal‑Computer (PC) und bastelt herum. Eine neue Harddisk installieren oder gar ein neues Motherboard, eine neue Software installieren, das stellt keine Probleme für Florian dar. Auch seine Freunde wissen seine Fertigkeiten zu schätzen. Jetzt möchte Florian sein Hobby zum Beruf machen. Florian hat mit seinen Eltern darüber gesprochen, seine Mutter hat sich bereit erklärt, mit Florian auf Lehrstellensuche zu gehen.


Die Geschichte von Niels (DK)  ‑  Niels lernt nach der Schule einen Beruf

Niels[3] besucht die die 9. Schulstufe einer Folkeskole[4]. Niels beschäftigt sich liebend gerne mit seinem Computer und auch mit seinem Mobile Phone. Er zerlegt seine Geräte in alle Einzelteile und baut sie wieder zusammen. Im Internet sucht er nach neuen Software‑Updates für seine Hardware, installiert sie selbständig und gibt auch manchmal seine Erfahrungen mit neuen Versionen an die Hersteller weiter. Auch Niels möchte, wie Florian, IT‑Techniker werden oder vielleicht bei einem der dänischen Mobiltelefon‑Netzbetreibern arbeiten. Niels hat mit seinen Eltern gesprochen, die ihn in seinem Berufswunsch bestärken.

 

Duales Ausbildungssystem Österreich – Lehre in Betrieb und Berufsschule

Die Lehrzeit, damit auch die Berufsschulpflicht, divergiert für einzelne Lehrberufe und kann zwischen zwei und vier Jahre betragen. Die meisten Lehrberufe weisen eine Ausbildungsdauer von 3½ Jahren auf. Die Berufsschulen vermitteln den Lehrlingen in einem berufsbegleitenden, fachlich einschlägigen Unterricht parallel zu ihrer praktischen Ausbildung im Betrieb grundlegende, theoretische Kenntnisse. Die Berufsschule ist eine Pflichtschule, die von allen Lehrlingen ganzjährig oder in Lehrgängen, das heißt, in mehrwöchigen Blöcken, besucht wird. Die Berufsschulpflicht beginnt mit dem Eintritt in ein Lehrverhältnis und dauert bis zu dessen Ende, längstens aber bis zur erfolgreichen Ablegung der Lehrabschlussprüfung.


Berufsbildungssystem Dänemark – Individuelle Grund- und Hauptausbildung

Jeder Jugendliche hat nach Ende der Schulpflicht Zugang zum Berufsbildungssystem. Das Berufsbildungsprogramm besteht aus zwei Teilen, einer Grundausbildung in einem Berufsfeld und einer darauf abbauenden spezialisierenden Hauptausbildung. Die Hauptausbildung entspricht dem Dualen Ausbildungssystem der Lehre in Österreich bzw. kann mit diesem verglichen werden.

In Dänemark sind Kinder und Jugendliche zwischen 7 und 16 Jahren schulpflichtig. Im Prinzip sprechen die Dänen von einer 9-jährigen Unterrichtspflicht, die in einer öffentlichen Schule oder in einer privaten Schule oder zu Hause, wenn gewisse akzeptierte Standards eingehalten werden, absolviert werden kann. Zusätzlich steht allen Schülern ein freiwilliges 10. Schuljahr[5] zu. Schüler, die finden, dass sie noch zusätzliche kognitive Fähigkeiten erlernen oder diese verbessern wollen, finden im freiwilligen 10. Schuljahr die Möglichkeit dazu. Die Hälfte der Schulzeit dieses Schuljahrs wird dazu verwendet, verpflichtende theoretische Fächer, wie Dänisch, Englisch und Mathematik, zu besuchen. Die andere Hälfte des Curriculums bietet die Möglichkeit, Erfahrungen zu weiteren Ausbildungen zu sammeln oder einen Umstieg in die Berufsausbildung, beides theoretisch und praktisch, vorzubereiten.


Florian beginnt mit der Lehrstellensuche

Florian und seine Mutter beginnen nach Firmen zu suchen, die Dienstleistungen in der Informationstechnologie (IT) anbieten. Florian kennt viele Namen von Firmen, weil er sich für die Branche interessiert. Leider müssen er und seine Mutter feststellen, dass die meisten dieser Firmen keine österreichischen Firmen sind. Aber es gibt einige davon. Florian und seine Mutter beginnen, den Lebenslauf, den Florian in der Polytechnischen Schule (PTS) geschrieben hat, in ein Bewerbungsschreiben einzubauen und schicken Initiativ‑Bewerbungen für eine Lehre ab. Zusätzlich haben sie sich einige Firmen notiert, wo sie gleich persönlich hingehen werden, weil sie in der näheren Umgebung ihres Wohnortes liegen. Die restlichen Firmen, die Florian aus dem Telefonbuch gesucht hat, wird Florian anrufen. Dafür hat er ein Telefongespräch vorbereitet und das Telefonat mit seiner Mutter geübt. In der Schule ist dafür nicht für alle Schüler Zeit, man ist nicht so ungestört und kann auch nicht mit einer Vertrauensperson üben.


Niels Kontaktlehrer unterstützt mit Bildungs‑Plan die Lehrstellensuche

Für Niels hat die Planung seiner schulischen und beruflichen Zukunft bereits in der 6. Schulstufe begonnen. Manche seiner Mitschüler, aber auch Schüler, die ihre Unterrichtspflicht zu Hause oder an einer privaten Einrichtung absolviert haben, machen von der Möglichkeit Gebrauch, die freiwillige 10. Schulstufe an der Folkeskole zu besuchen und einen öffentlichen Grundschulabschluss zu erlangen. Niels hat vor allem mit dem Kontaktlehrer schon lange im Vorfeld der Folkeskole sein berufliches Ziel im Auge gehabt und so ist es auch mit Hilfe der Schule bereits gelungen, Kontakte zu drei Betrieben herzustellen, die mit Niels einen Ausbildungsvertrag abschließen würden. Dazu hat Niels Kontaktlehrer gemeinsam mit Niels die Kontaktadressen der Ausbildungsbetriebe im Umkreis von Niels Wohnort durchgearbeitet und beide haben eine Prioritätenliste der Betriebe erstellt. Niels Kontaktlehrer hat für Niels den Kontakt zu den Ausbildungsbetrieben hergestellt und Termine vereinbart. Niels ist sich zu drei Betrieben vorstellen gegangen und hat den Betrieb gewählt, der ihm am meisten zugesagt hat. Der Betrieb hat Einsicht in Niels Bildungs‑Plan[6] genommen. Daraufhin hat der Betrieb zugestimmt, mit Niels nach dessen Grundausbildung einen Ausbildungsvertrag einzugehen.

Diese Erklärung wird im Bildungs‑Plan von Niels vermerkt.

Niels will Nachrichten‑Elektroniker werden.

Niels Eltern freuen sich über Niels bisherigen Werdegang.


Bildungs‑Plan und Kontaktlehrer bis zur 9. Schulstufe in Dänemark

Die Initiative für die Erstellung eines individuellen Bildungs‑Plans für jeden Jugendlichen geht von einem so genannten Kontaktlehrer an der Folkeskole aus. Ausbildungsberatung, Berufsberatung und Arbeitsmarktorientierung in der kollektiven Form der Schule und in Form von Einzelgesprächen sind ab der 6. Schulstufe verpflichtende Gegenstände. Den Schülern wird die Möglichkeit geboten, ihre eigene Wahl von Ausbildung und Beruf zu treffen, und die Wahl aus einer Vielzahl an Entscheidungswegen zu treffen, die ihren persönlichen Voraussetzungen, Bedürfnissen, Einstellungen und sozialen Möglichkeiten entsprechen. Jeder Schüler bekommt Rückmeldungen der eigenen Kompetenzen und Potentiale, zur Wirkungsweise des Ausbildungssystems und zu den aktuellen Chancen am Arbeitsmarkt. Ziel ist es, den Jugendlichen einen soliden Grundstock zu bieten, damit die Jugendlichen ihre Wahl treffen können: weitere schulische Ausbildung oder weitere berufliche Ausbildung. Die Eltern geben ihre Zustimmung, sind durch die Kontaktlehrer an den Schulen aber weitestgehend entlastet.


Bildungs‑Plan bis zur 9. Schulstufe in Österreich

Ein vergleichbarer, verbindlicher, durch ein Gesetz abgesicherter, Bildungs‑Plan für Schüler und Jugendliche der Sekundarstufe I fehlt in Österreich.


Kontaktlehrer bis zur 9. Schulstufe in Österreich

Ein vergleichbarer, verbindlicher, durch ein Gesetz abgesicherter Kontaktlehrer, für Schüler und Jugendliche der Sekundarstufe I fehlt in Österreich.


Florian findet eine Lehrstelle und unterschreibt einen Lehrvertrag

Florian ruft die Firmen an, die er aus dem Telefonbuch herausgesucht hat. Die meisten der Firmen verlangen ein Bewerbungsschreiben, das Florian umgehend entweder per E-Mail oder als Brief abschickt, je nach Wunsch der jeweiligen Firma. Mit seiner Mutter geht er von Firma zu Firma, stellt sich vor und legt sein Bewerbungsschreiben vor. In allen Fällen wird Florian darüber informiert, dass man die Bewerbungsunterlagen erst durchschauen wird und sich dann melden wird. Eine konkrete Zeitangabe nennen die wenigsten Firmen.

Die Firmen lassen sich mit den Rückmeldungen Zeit, auch jene, die Florian ohne Telefonat und persönlichen Kontakt „blind“, auf Selbst‑Initiative angeschrieben hat. Florian und seine Mutter sind unruhig. Florians Vater beruhigt. Nach zwei Wochen der Warterei beginnt Florian, seinen Bewerbungen „nachzutelefonieren“. Als Ergebnis bekommt er Absagen.

Doch eines Tages kommt Post. Ein Vorstellungstermin bei einer namhaften Firma. Florian freut sich riesig. Er bereitet sich mit seinen Eltern auf den Vorstellungstermin vor. Florian ist nervös und wird alleine hingehen.

Die Personalchefin der Firma ist freundlich zu Florian. Florian füllt einen Bewerbungsbogen aus, anschließend führen beide ein Gespräch. Der Personalchefin gefallen das fachliche Wissen und die persönliche Ausstrahlung von Florian. Sie müsse noch einige Bewerbungsgespräche mit weiteren Bewerbern führen, aber sie wird ihm am nächsten Tag telefonisch Bescheid geben. Florian ist schweißgebadet, als er die Firma verlässt. Er freut sich und hat ein gutes Gefühl, dass es klappen wird.

Tatsächlich ruft am nächsten Tag die Personalchefin an und bietet ihm einen Lehrvertrag als IT‑Techniker an. Florian solle im Laufe der Woche nochmals mit seiner Mutter oder seinem Vater in die Firma kommen, damit der Lehrvertrag unterschrieben werden kann. Florian, seine Mutter und die Personalchefin als Vertreterin der Firma unterschreiben den Lehrvertrag am nächsten Tag.

Florian ist glücklich.


Florian hat jetzt eine Lehrstelle – der Unterricht ist für Florian beendet

Florian erzählt seinen Lehrern von seinem Erfolg. Er hat eine Lehrstelle und seine Lehrzeit beginnt gleich nach Schulabschluss. Ferien mag Florian keine in Anspruch nehmen, weil er gleich in seinen neuen Beruf einsteigen möchte. Florians Lehrer freut sich mit Florian. Der Lehrer weist Florian an, sich ruhig zu verhalten. Der Lehrer ist froh, er braucht sich im Unterricht nicht mehr vordergründig um Florian zu kümmern, sondern kann seine Kräfte denjenigen zukommen lassen, die noch nicht so viel Erfolg bei der Lehrstellensuche gehabt haben wie Florian. Der Lehrer motiviert Florian, weiter mitzuarbeiten und seine Mitschüler zu unterstützen. Für Florian sind Unterricht und Schuljahr „gelaufen“. Florian wird seine Schulpflicht beenden und die 9. Schulstufe positiv abschließen. Das restliche Schuljahr verläuft für Florian ruhig.


Niels hat bereits eine Lehrstelle gefunden – sein Bildungs‑Plan wird geändert

Niels hat bereits eine Ausbildungsstelle als Nachrichten‑Elektroniker gefunden. Niels Kontaktlehrer weiß, dass Niels die Folkeskole auf jeden Fall positiv abschließen wird. Niels Kontaktlehrer bietet Niels an, an einem Grundkurs für Elektronik teilzunehmen, der in Kooperation mit einer anderen Schule stattfindet. Niels stimmt gerne zu. Niels Kontaktlehrer ergänzt den persönlichen Bildungs‑Pass von Niels mit dieser Zusatzausbildung. Niels wird zwar keine Note, aber eine persönliche Bewertung, in dem zusätzlichen Gegenstand bekommen. Für Niels ist es ein effizientes Hinführen zu seiner neuen Berufsausbildung. Niels bedankt sich bei seinem Kontaktlehrer.

Der wehrt ab und sagt nur: „Es ist ja meine Aufgabe, dir bestmöglich zu helfen.“

 

Florian beginnt seine Lehre im Lehrbetrieb

An einem Montag, Anfang Juli findet sich Florian an seiner Lehrstelle ein. Sein Chef und die für Florian zuständige Ausbilderin begrüßen Florian persönlich. Sie freuen sich auf die Zusammenarbeit mit Florian. Seine Ausbilderin führt Florian durch das Unternehmen, stellt Florian den Mitarbeitern vor und macht ihn mit den Unternehmensgepflogenheiten bekannt. Florian bekommt auch einen Arbeitsplatz zugewiesen. Florians Ausbilderin spricht in groben Zügen über die Lehrlingsausbildung in ihrem Unternehmen und beantwortet alle Fragen von Florian. Florian erhält eine Arbeitseinteilung für eine Woche, die jeden Freitag erneuert werden wird. Florian ist persönlich seiner Ausbilderin zugeteilt, die ihn über 3½ Jahre bis zum Ende seiner Lehrzeit begleiten wird.


Niels beginnt seine Berufliche Grundausbildung in der Berufsschule

Niels findet sich an seinem ersten Lehrlingstag in der Berufsschule ein. Niels beginnt mit der Grundausbildung im Berufsfeld (Cluster) Elektrizität/Management/IT. Weil Niels sich schon entschieden hat, welche Berufsausbildung er wählen wird, weil er bereits einen Vorvertrag eines Betriebes in seinem Bildungs‑Pass vermerkt hat, und weil Niels auch einen Grundkurs in Elektronik aus der Folkeskole vorweisen kann, dauert die Grundausbildung für ihn nur 15 Wochen. Niels will die 15 Wochen nutzen, sich näher mit seinem gewählten Beruf auseinander zu setzen. Niels bekommt in der Beruflichen Grundausbildung eine Aufwandsentschädigung, die öffentlich finanziert ist. Für den schulischen Teil seiner Beruflichen Grundausbildung wird die Aufwandsentschädigung entsprechend seines Alters festgelegt, für Praxiselemente während der Grundausbildung erhält Niels eine Aufwandsentschädigung in Höhe der Ausbildungsvergütung des ersten Lehrjahres.


Niels individuelles Bildungs—Logbuch

Niels spricht mit seinem Kontaktlehrer an der Berufsschule. Der Kontaktlehrer schaut sich den Bildungs‑Plan von Niels an und sieht, dass Niels bereits eine zugesagte Ausbildungsstelle als Nachrichten‑Elektroniker bei einer Firma im Bezirk hat. Der Kontaktlehrer des Berufsfelds Elektrizität/Management/IT gibt Niels einen detaillierten Überblick über die Einführungs- und Wahlfächer der gewählten Spezialisierung von Niels in Richtung Nachrichten‑Elektroniker. Niels wählt aus einem breit gefächerten Angebot an Schulungen aus. Niels möchte ein bestimmtes Wahlfach unbedingt kennen lernen. Das würde aber die Grundausbildung für ihn wieder um 5 Wochen verlängern. Niels macht das nichts aus. Niels Kontaktlehrer ruft Niels Ausbildungsbetrieb an und bespricht die Fächerauswahl. Niels Ausbildungsbetrieb stimmt zu, weil dieses Wahlfach gut zu Niels Berufsausbildung passt. Der Kontaktlehrer vermerkt die gewählten Fächer in Niels Bildungs‑Plan.

Zusätzlich zur Ergänzung des Bildungs‑Plans bekommt Niels von seinem Kontaktlehrer ein Bildungs‑Logbuch[7] ausgehändigt. Niels fügt seinen persönlichen Bildungs‑Plan an die vorgesehene Stelle im Bildungs‑Logbuch ein. Der Kontaktlehrer erklärt Niels, dass das Bildungs‑Logbuch dazu da sei, Niels während seiner gesamten Berufsausbildung zu begleiten. Der Kontaktlehrer sagt: „Das Bildungs‑Logbuch ist ab jetzt dein persönlicher Begleiter. Im Rahmen deiner Grundausbildung wirst du selbst dokumentieren, wie du dein Ziel der Lehrabschlussprüfung erreichen willst. Dein Ausbildungsbetrieb und ich werden dich dabei unterstützen und deine Ausbildung immer wieder an deinen aktuellen Stand anpassen.“

Niels beginnt seine 20-wöchige Grundausbildung.

 

Individuelles Bildungs‑Logbuch mit integriertem Bildungs‑Plan in Dänemark

Der genaue Inhalt der Ausbildung eines jeden Auszubildenden wird in dessen persönlichen Bildungs‑Plan festgehalten. Der Bildungs‑Plan zielt darauf ab, die Wünsche, Interessen und Fähigkeiten der Auszubildenden mit den Ausbildungs‑Perioden und Ausbildungs‑Elementen im Betrieb und in der Berufsschule in Einklang zu bringen. Der individuelle Bildungs‑Plan ist ein Werkzeug für die Auszubildenden, das ihnen hilft, die flexible Struktur der Berufsausbildung zu nutzen, ihre beruflichen und persönlichen Qualifikationen und Ziele zu formulieren – und diese auch im Auge zu behalten.

Die Initiative für die Weiterführung des individuellen Bildungs‑Plans und den Erhalt des Bildungs‑Logbuchs geht vom sogenannten Kontaktlehrer in der Berufsschule aus. Zu Beginn einer Berufsausbildung werden im Bildungs‑Plan alle Lernsequenzen festgelegt. Die Auszubildenden sind selbst für die Zusammenstellung ihres individuellen Bildungs‑Plans im Rahmen der allgemeinen Anforderungen der jeweiligen Ausbildung verantwortlich. Somit bildet bereits die Formulierung der eigenen Bildungs‑Pläne eine neue Art der Lernerfahrung. Der Auszubildende formuliert, basierend auf dem eigenen Wissensstand, seinen individuellen weiteren Lernbedarf. Die persönlichen Kompetenzen werden dadurch im Sinne eines pädagogischen Werkzeugs erweitert. Integraler Bestandteil des Curriculums und des Bildungs‑Planes ist es, dass der Auszubildende lernt, mit seiner Ausbildungssituation umzugehen und seinen Lernprozess selbst in die Hand zu nehmen.

Zur Aktualisierung und Evaluation während der gesamten Ausbildung sind sowohl Berufsschule als auch der Betrieb verpflichtet. Als Dokumentation ist das individuelle Bildungs‑Logbuch vorgesehen. Die damit verbundenen Ziele liegen darin, dass Betrieb und Berufsschule einander kontinuierlich in Inhalt der betrieblichen und schulischen Ausbildung abstimmen, um die Jugendlichen immer weiter zu qualifizieren. Das Bildungs‑Logbuch muss sowohl den persönlichen Bildungs‑Plan, die Empfehlungen der Berufsschule und Prüfungszeugnisse enthalten als auch eine Beschreibung der Kompetenzen, die der Auszubildende während des gesamten Ausbildungsprozesses in der Schule und im Betrieb erworben hat. Das Bildungs‑Logbuch muss auch die ministerielle Verordnung über die spezifischen Regeln der jeweiligen Ausbildung sowie eine Kopie des Ausbildungsvertrages enthalten.


Bildungs‑Logbuch in Österreich

Ein vergleichbares, verbindliches, durch ein Gesetz abgesichertes, Bildungs‑Logbuch für Schüler und Jugendliche fehlt in Österreich.


Berufliche Grundausbildung in Dänemark

Die Grundausbildung ist schulbasiert. Der Zugang zur Hauptausbildung wird durch das Abschlusszeugnis der Grundausbildung dokumentiert. Der Auszubildende hat die Wahl zwischen sieben Berufsfeldern. Beginnend ab August 2008 gibt es 12 Berufsfelder (Cluster)[8] der Grundausbildung. Diese beinhalten Fahrzeuge/Flugzeuge/Transportmöglichkeiten, Baugewerbe, Facility Management, Tiere/Pflanzen/Natur, Körper/Dienstleistungen, Lebensmittel, Medien, Wirtschaft, Handwerk/Entwicklung, Elektrizität/Management/IT, Gesundheit/Pflege/Pädagogik und Logistik.[9]

Die Grundausbildung kann zwischen 10 und 40 Wochen dauern, im Durchschnitt dauert sie 20 ‑ 25 Wochen. Die flexible Dauer der Grundausbildung ergibt sich daraus, dass alle Jugendlichen genügend Zeit haben sollen, ihre Ausbildungswahl durch zusätzliche berufliche und weiterführende Ausbildungselemente zu erweitern. Als Pflichtfächer gelten Grundlagenfächer und interdisziplinäre Fächer, die durch Ausbildungsinformation und Berufsberatung ergänzt werden. Darüber hinaus werden Wahlfächer sowie Einführungskurse und Stützkurse angeboten. Die Zusammensetzung der Ausbildung hängt von der individuellen Entscheidung des einzelnen Auszubildenden und vom Anforderungsprofil der künftigen beruflichen Spezialisierung ab. Geht ein Jugendlicher von seiner ursprünglich gewählten Spezialisierung ab, wird eine bereits absolvierte Grundausbildung in der Form angerechnet, als der Jugendliche die neu gewählte Grundausbildung in Form eines fünfwöchigen Kompaktkurses absolvieren kann.


Berufliche Grundausbildung in Österreich – Fachmittelschule (FMS)

Grundsätzlich sieht das österreichische System der Beruflichen Ausbildung im Rahmen der Dualen Ausbildung keine Grundausbildung vor. Ein  bedeutender Schritt dazu wird mit den neuen Rahmenlehrplänen der zu etablierenden Modularisierten Lehrausbildung gesetzt, welche Grundausbildungen und Spezialisierungen vorsieht.

Eine ansatzweise, mit dem dänischen Modell vergleichbare, berufliche Grundausbildung an öffentlich rechtlichen Schulen in Österreich, die dem Dualen Lehr‑Ausbildungssystem vorgelagert ist, stellt das Modell der Fachmittelschulen[10] dar.

Die Konzeption der Fachmittelschule (FMS), gemeinsam mit berufsbildenden Schulen, geht davon aus, Schülern in 2 Schuljahren Allgemeinbildung und (Berufs-)Orientierung zu geben. Aktuell beginnt die Fachmittelschule als schulautonomes Projekt mit der 9. Schulstufe, basierend auf dem Lehrplan der Polytechnischen Schule (PTS) und endet auch damit. Die Realisierung des zweiten, freiwilligen Jahres, im Sinne einer 10. Schulstufe, kann derzeit mangels Genehmigung (und Finanzierung) nicht umgesetzt werden.

Die Fachmittelschule dient den Schülern als Entscheidungshilfe für ihren zukünftigen Ausbildungsweg. Für jeweils drei Wochen durchlaufen die Jugendlichen vier Fachbereiche, die von den Schülern ausgewählt werden können. Das Angebot umfasst die Bereiche Holz/Bau, Tourismus, Informationstechnologie, Handel/Büro, Metall, Elektro und Dienstleistungen. Der Bereich Oberstufentraining bereitet auf eine weiterführende Schullaufbahn im Bereich allgemeinbildender höherer Schulen (AHS) vor.

Der Unterricht in den Fachbereichen wird pro Woche durch einen Praxistag an einem entsprechenden Schulstandort mit Praxiseinrichtungen, wie Werkstätten und EDV-Räumen, ergänzt. Eine umfassende Berufs-Orientierung findet durch anschauliche Begegnungen mit der Arbeits- und Berufswelt statt. Realbegegnungen mit Firmenmitarbeitern sowie die Erprobung von eigenen Fähigkeiten und Kenntnissen stehen im Vordergrund.


Individueller Kontaktlehrer an den Berufsschulen in Dänemark

Die Berufsschullehrer bilden die Schlüsselrolle im System der Berufsausbildung in Dänemark. Die Ausbildung am DEL, dem Dänischen Landesinstitut für das Berufsschulwesen, wurde entsprechend adaptiert, um einen Paradigmenwechsel des Schulbetriebs vom Belehren zum Lernen zu forcieren. Berufsschullehrer arbeiten, planen, organisieren, unterrichten und evaluieren gemeinsam in kleinen Teams. Sie haben den Überblick über die Gesamtheit an angebotenen Ausbildungen, sie sind Kontaktlehrer und Tutoren. Lehrende werden durch dieses System automatisch selbst zu Lernenden. Lehrende können ihre eigenen Erfahrungen im System machen und diese, gemeinsam mit den Auszubildenden und Betrieben in ein Qualitätssicherungsprogramm einmelden. Seit 1999 wird ein schulstufenübergreifendes Benchmarking durch ein etabliertes, nationales Evaluierungsinstitut, durchgeführt, in dessen Verantwortungsbereich alle dänischen Bildungsstätten von der Grundschule bis zur Universität fallen.


Kontaktlehrer an den Berufsschulen in Österreich

Ein vergleichbarer, verbindlicher, durch ein Gesetz abgesicherter Kontaktlehrer, für Schüler und Jugendliche der Berufsschule bzw. der Sekundarstufe II fehlt in Österreich.


Niels unterschreibt einen Ausbildungsvertrag

Niels hat die Grundausbildung an der Berufsschule erfolgreich abgeschlossen. Er vereinbart einen Termin mit seinem Ausbildungsbetrieb. Zum Termin geht Niels mit seinem Vater in den Ausbildungsbetrieb. Niels hat sein Bildungs‑Logbuch mit, das nun auch das Abschlusszeugnis der Beruflichen Grundausbildung enthält. Niels, sein Vater und der Personalchef des Ausbildungsbetriebes unterschreiben den Ausbildungsvertrag. Auch der Ausbildungsvertrag kommt in Niels Bildungs‑Logbuch.

 

Florian erhält seine erste Lehrlingsentschädigung

Florian arbeitet bereits seit einem Monat in der Firma. Er ist sehr zufrieden mit der Lehrstelle.

Auch seine Ausbilderin ist zufrieden mit Florian. Am Ende des ersten Monats übergibt die Ausbilderin Florian ein geschlossenes Kuvert. Florian möge es doch aufmachen. Es ist Florians erstes Geld, das er für seine Arbeit bekommt, seine Lehrlingsentschädigung. Florian ist stolz auf seine Leistung. Jetzt kann er sich endlich die neue Grafikkarte für seinen Computer beschaffen, auf die er schon so lange gespart hat.


Niels erhält seine erste Ausbildungsvergütung

Die Ausbildung von Niels hat nach dessen Beruflicher Grundausbildung im Ausbildungsbetrieb begonnen. Niels bekommt mit Ende des Monats seine erste Ausbildungsvergütung. Niels freut sich, weil er sich jetzt ein neues Fahrrad kaufen kann.


Lehrlingsentschädigung in Österreich

Jeder Lehrling erhält vom Betrieb eine Lehrlingsentschädigung, egal ob er sich im Betrieb oder in der Schule befindet. Die Lehrlingsentschädigung wird entsprechend der Vereinbarungen in den Kollektivverträgen der jeweiligen Branche an die Lehrlinge ausgezahlt.


Ausbildungsvergütung in Dänemark

Jeder Auszubildende erhält eine Ausbildungsvergütung, egal ob er sich im Betrieb oder in der Schule befindet. Der Betrieb bekommt die Ausbildungsvergütung für die schulischen Perioden vom Staat ersetzt. Finanziert wird diese Rückerstattung über jährlich zu leistende fixe Arbeitgeberbeiträge, die über diesen Weg an die Ausbildungsbetriebe zurückfließen. Die Ausbildungsvergütung wird entsprechend der Vereinbarungen in den Kollektivverträgen der jeweiligen Branche an die Auszubildenden ausbezahlt.

 

Florian kommt in die Berufsschule

Florians Ausbilderin hat Florian darüber informiert, dass ab Herbst die Berufsschule beginnt. Die Firma hat Florian an der Berufsschule angemeldet. Die Berufsschule hat der Firma mitgeteilt, dass Florian jeden Dienstag Berufsschule hat und Florian dafür freizustellen ist. Florian hat von seiner Ausbilderin ein Informationsblatt der Berufsschule erhalten, auf dem alle, für eine Schuleinschreibung benötigte Dokumente aufgelistet sind und sonstige nützliche Dinge für den Schulbesuch angeführt sind.

Florians erster Schultag dreht sich vor allem um die Einschreibung aller Schüler der ersten Klasse. Die Klassenlehrer administrieren abwechselnd. Der Unterricht beginnt, nachdem für alle Schüler die Einschreibung abgeschlossen ist. Manche Schüler hatten nicht alle Dokumente dabei. Der Klassenvorstand wird dafür erneut die Unterrichtszeit in einer der folgenden Wochen aufwenden müssen. Des Weiteren werden am ersten Schultag der Stundenplan verteilt und die Verhaltensregeln der Schule erklärt. Damit die Schüler sich zurechtfinden, wird ein Schulrundgang durchgeführt. Der Schulunterricht endet entsprechend des Stundenplans. Nächster Schultag ist in einer Woche, wieder am Dienstag.


Niels kommt wieder in die Berufsschule

Niels Berufsausbildung hat mit einem Praktikum im Ausbildungsbetrieb begonnen. Nach einem praxisorientierten Block von 30 Wochen kommt Niels wieder in die Berufsschule, die ausbildungsbezogen 10 Wochen dauert.

Niels beginnt mit seinen Schulkollegen gleich in der ersten Stunde mit dem Unterricht.

In seinem Bildungs‑Logbuch sind alle relevanten persönlichen und beruflichen Informationen eingetragen. Die Abstimmung über die schulische Ausbildung für Niels hat schon im Vorfeld zwischen Berufsschule und Ausbildungsbetrieb stattgefunden. Der Kontaktlehrer der Berufsschule hat sich darum gekümmert, dass alles geregelt ist. Dadurch kann ohne Verzögerung mit dem Unterricht begonnen werden, wenn Niels in die Berufsschule kommt.

 

Florian erhält ein Zeugnis von der Berufsschule

Florian kommt in der Berufsschule als auch in seinem Lehrbetrieb in Praxis und Theorie gut voran. Florian besucht die vertiefenden Angebote der Berufsschule. Zur Jahresmitte bekommt Florian eine Schulnachricht, in der die besuchten Gegenstände von den Lehrern der Berufsschule in Notenform beurteilt werden. Am Ende des Schuljahres bekommt Florian ein staatlich anerkanntes Zeugnis über den Abschluss der ersten Klasse, welches ihn berechtigt, in die zweite Klasse aufzusteigen.


Niels Kompetenzen werden beurteilt

Niels beendet die 10 Wochen der theoretisch‑ und praxisorientierten Berufsschule. Seine Lehrer vermerken in Niels Bildungs‑Logbuch, wie gut sich Niels entwickelt hat und an welchen seiner Fähigkeiten und Fertigkeiten er noch zu arbeiten hat. Danach richtet sich seine weitere Ausbildung im Ausbildungsbetrieb. Eine Klassenwiederholung in der Berufsschule ist nicht vorgesehen, wie im Pflichtschulsystem in Dänemark generell nicht.


Florian beendet seine Lehrausbildung

Florian tritt nach Absolvierung der letzten Klasse der Berufsschule zur Lehrabschlussprüfung bei einer der Lehrlingsstellen der Wirtschaftskammer Österreichs an. Florian absolviert die praktische Lehrabschlussprüfung mit Auszeichnung. Mit Ende dieser Woche endet Florians Lehrausbildung, ab nächster Woche ist Florian Geselle. Florian wird in seinem Lehrbetrieb bleiben. Sein Lehrbetrieb ist daran interessiert, Lehrlinge als Angestellte weiterzubeschäftigen. Das ist auch im Interesse von Florian.


Niels beendet seine Berufliche Ausbildung

Auch Niels beendet seine Berufliche Ausbildung positiv. Die Lehrabschlussprüfung legt er vor einem Komitee der Wirtschaftkammer ab. Seine Projektarbeit und seine mündlichen Ausführungen beeindrucken die Kommission. Niels wird ausgezeichnet beurteilt. Das Ergebnis wird im persönlichen Bildungs‑Logbuch von Niels vermerkt. Niels hat damit seine Berufliche Ausbildung beendet. Er ist Geselle. Sein Ausbildungsbetrieb wird ihn als Angestellten weiterbeschäftigen.


Berufsbildungssystem in Dänemark – Grund- und Hauptausbildung

Die Zielsetzung des dänischen Berufsbildungssystems ist vordergründig auf die Jugendlichen ausgerichtet. Nicht (nur) wirtschaftliche Forderungen stehen im Vordergrund. Neben berufsrelevanten Qualifikationen und beruflichem Wissen stehen primär Möglichkeiten der persönlichen Entwicklung der Auszubildenden zur Auswahl. Jugendliche werden motiviert, einen sehr weit gefassten Zugang zur Berufsausbildung zu wählen. Den Jugendlichen wird eine Vielzahl an Qualifikationen geboten, um ihr eigenes Verständnis von Gesellschaft unterstützen und ihre persönliche Entwicklung zu schärfen. Diese Qualifikationen bilden die Grundlage für eine berufliche Aus- und Weiterbildung der Jugendlichen.

Ein weiteres Ziel ist es, das Berufsbildungssystem so zu gestalten, dass es mit dem neuen Qualifikationsbedarf des Arbeitsmarktes abgestimmt werden kann. Der Arbeitsmarkt verlangt Fachkräfte mit angemessenen Kompetenzen und der richtigen Ausbildung. Dabei gilt es, eine Balance zwischen Arbeitskräftebedarf und in Ausbildung befindlichen Jugendlichen zu finden. Diesbezüglich geht das dänische Modell den Weg einer breiten Grundausbildung zur Erlangung höherer, allgemeiner und persönlicher Qualifikationen, auf die in weiterer Folge eine individuelle, spezifische Berufsausbildung für alle Auszubildenden aufbaut.

Den Ausschlag für eine Reform des dänischen Bildungssystems gaben hohe Abbruchquoten der schulischen und beruflichen Ausbildung in den 1990er Jahren. Durch eine Bildungsreform im Jahr 2000 konnte die Abbruchquoten um 50 Prozent reduziert und somit die Schulabschlüsse vervielfacht werden. Das dänische Berufsbildungssystem ist seit dieser Reform zentral organisiert. Neben der nationalen gibt es auch noch die wichtige lokale Ebene.

Alle Bildungsstandards werden vom Bildungsministerium als Verordnungen festgelegt. Die Verordnungen werden von den Sozialpartnern vorbereitet und vom Bildungsministerium geprüft und verabschiedet. Das dänische Berufsbildungssystem ist eine Weiterentwicklung der Dualen Lehre, wie wir sie zum Beispiel in Deutschland und in Österreich vorfinden, und eine Kombination mit vollzeitlich, schulischen Modellen, wie Schweden vorzeigt.

Die Berufsausbildung bietet lediglich Rahmenbedingungen an und kann schnell und flexibel auf sich ändernde volkswirtschaftliche und betriebswirtschaftliche Entwicklungen reagieren.

Die beruflichen Spezialisierungen sind in der Hauptausbildung organisiert. Hier finden Jugendliche Spezialisierungen in Form von 123 Ausbildungslehrgängen vor, im Juni 2000 waren es ursprünglich 85 Lehrgänge.

Die Auszubildenden müssen selbst einen Ausbildungsbetrieb finden und mit ihm einen Ausbildungsvertrag abschließen. Dies erfolgt mit Hilfe und Unterstützung der Berufsschule. Finden Auszubildende keinen Betrieb, und haben somit keinen Ausbildungsvertrag, wird einen Ausbildungsvertrag mit der Berufsschule geschlossen, damit der Jugendliche nicht unnötig aufgehalten wird! Diese Lösung heißt in Dänemark Schulpraktikum.

Die Hauptausbildung folgt dem Dualen Prinzip des Wechsels von Berufsschule und Betrieb. Eine volle Hauptausbildung mit beruflicher Spezialisierung dauert normalerweise zwischen 3 Jahren und maximal 4 Jahren. Die Hauptausbildung beginnt mit einem betrieblichen Praktikum, danach folgen aufeinander abgestimmte Abschnitte in Schule und Betrieb.

Die dänische Bildungsreform

„hat den Ehrgeiz … dem Individuum mehr Möglichkeiten zu geben, seine Ausbildung selbst zu gestalten“.

Sie stellt es den Jugendlichen frei,

„ihren eigenen Pfad durch ihre Ausbildung treten“.[11]

Die Reform hat den Anspruch, auf Veränderungen der Informationsgesellschaft einzugehen, die die dänischen Jugendlichen kritisch und als Zugang zu vielen Informationsquellen nutzen. Die Reform stellt aber auch einen entscheidenden Schritt in Richtung pädagogischer Neuorientierung dar, die das lebenslange Lernen unterstützt.


Berufsbildungssystem in Österreich – Pakt für Lehrlinge

„Am Montag wurde von Wirtschaftsminister (,Familien- und Jugendminister, Anmerkung des Autors) Reinhold Mitterlehner und den 15 größten Lehrlingsausbildungsbetrieben Österreichs der “Pakt für Lehrlinge” (Hervorhebung des Autors) unterschrieben und präsentiert. Darin verpflichten sich die Unternehmen, im Ausbildungsjahr 2009/2010 ihren Lehrlingsstand zumindest konstant zu halten, wodurch rund 11.000 Lehrlingen ein Lehrplatz geboten wird. “Die Zukunft der Betriebe ist nur mit qualifizierten Mitarbeitern bewältigbar. Der Pakt ist einerseits eine Signalwirkung an die Jugendlichen, dass sie gebraucht werden. Andererseits soll er als Multiplikator andere Unternehmen motivieren, weiterhin Lehrlinge auszubilden”, sagte Mitterlehner anlässlich der Unterzeichnung. Die teilnehmenden Betriebe sind Spar, REWE Group, XXXLutz, ÖBB, voestalpine, dm-Drogeriemarkt, Porsche Austria, Siemens, Hofer KG, bauMax, Telekom Austria AG, Pappas Gruppe, Kapsch Partner Solutions GmbH, Zielpunkt, Julius Blum GmbH. Dazu kommen noch die Franz Schütz GesmbH stellvertretend für die große Zahl ausbildender Klein- und Mittelbetriebe und die Gemeinde Wien stellvertretend für die öffentliche Hand.[12]


Duales Ausbildungssystem der Lehre in Österreich

Die Berufsbildung in Österreich ist dual organisiert und kann im Vergleich mit Dänemark als berufliche Hauptausbildung bezeichnet werden. Die Duale Ausbildung stellt eine Kombination von berufsbegleitendem Unterricht und einer Ausbildung im Lehrbetrieb dar. Einerseits liegt ein Ausbildungsverhältnis zwischen einem Lehrbetrieb und einem Lehrling im Rahmen eines Lehrvertrags vor, andererseits ist jeder Lehrling laut Schulpflichtgesetz 1985, § 21 verpflichtet, die Berufsschule zu besuchen.

Die österreichische Lehrlingsausbildung entsprechend des Dualen Systems sieht aktuell 267 Lehrberufe vor[13]. Das für Ausbildungsverordnungen und Berufsbilder zuständige Bundesministerium für Wirtschaft, Familie und Jugend (BMWFJ) spricht von „rund 250 gewerblichen, industriellen und dienstleistungs-orientierten Lehrberufen“, eine Lehrberufsliste des Jahres 2008 steht per Juli 2009 als Download zur Verfügung[14].

Die Berufsschule ist eine Pflichtschule, die von allen Lehrlingen ganzjährig oder in Lehrgängen, das heißt, in mehrwöchigen Blöcken, besucht wird. Die Berufsschulpflicht beginnt mit dem Eintritt in ein Lehrverhältnis und dauert bis zu dessen Ende, längstens aber bis zur erfolgreichen Ablegung der Lehrabschlussprüfung. Die Lehrzeit, in Verbindung damit die Berufsschulpflicht, divergiert für einzelne Lehrberufe und kann zwischen zwei und vier Jahre betragen. Die meisten Lehrberufe weisen eine 3½-jährige Ausbildungsdauer auf. Die Berufsschulen vermitteln den Lehrlingen in einem berufsbegleitenden, fachlich einschlägigen Unterricht parallel zu ihrer praktischen Ausbildung im Betrieb grundlegende, theoretische Kenntnisse. Die entsprechenden Rahmenlehrpläne für die einzelnen Lehrberufe werden in Anlehnung an die jeweiligen Ausbildungsordnungen und Berufsbilder vom Bundesministerium für Unterricht, Kunst und Kultur (BMUKK) in Abstimmung mit dem Bundesministerium für Wirtschaft, Familie und Jugend (BMWFJ) erstellt.

Die Auszubildenden müssen selbst oder mit Hilfe ihrer Erziehungsberechtigten einen Ausbildungsbetrieb finden und mit diesem einen Ausbildungsvertrag abschließen. Eine Unterstützung seitens der Berufsschule ist nicht vorgesehen. Wenn Auszubildende keinen Lehrbetrieb finden somit auch keinen Lehrvertrag haben, bietet ihnen das Arbeitsmarktsservice Österreich (AMS) Hilfestellungen an, einen Lehrbetrieb zu finden oder eine Ausbildung in einer Überbetrieblichen Ausbildungseinrichtung (ÜBA) zugeteilt zu bekommen.

Die überbetriebliche Lehrausbildung in Überbetrieblichen Ausbildungseinrichtungen (ÜBA) ist seit einer Novellierung des Berufsausbildungsgesetzes (BAG), aufbauend auf BAG §30b, per 28.06.2008[15] ab dem Ausbildungsjahr 2008/2009 als gleichwertiger, regulärer und einheitlicher Ausbildungstypus Bestandteil der Dualen Berufsausbildung. Die Überbetrieblichen Ausbildungseinrichtungen (ÜBA) bilden somit einen zentralen Bestandteil der Ausbildungsgarantie für Jugendliche seitens der Regierung(en). Mit der Schaffung des einheitlichen Ausbildungstypus der Überbetrieblichen Ausbildungseinrichtungen (ÜBA), der nunmehr anstelle der gesetzlich befristeten, auslaufenden Lehrgänge gemäß Jugendausbildungssicherungsgesetz (JASG) ausgebaut wird, sollen die Qualitätsanforderungen und Voraussetzungen für die Lehre im Rahmen der überbetrieblichen Lehrausbildung nachhaltig abgesichert werden. [16]

Den Überbetrieblichen Ausbildungseinrichtungen (ÜBA) widme ich auf Grund der aktuellen Bedeutsamkeit das nächste Kapitel. Wir begleiten Sarah auf ihrem Weg von der Schule in eine überbetriebliche Lehrausbildung.


[2] Name geändert

[3]
Name geändert

[4]
Die dänische Folkeskole deckt die Grundschule bis zur 1. Schulstufe, Sekundarstufe II, ab ‑ im Vergleich mit Österreich die Volksschule bis zur Polytechnische Schule (PTS), als Beispiel der Absolvierung des 9. Schuljahrs

[6]
dän: uddannelsesplan

[7]
dän: uddannelsebog

[8]
 aktuell: “There are 111 vocational education and training programmes. The basic programmes are gathered in the following 12 vocational clusters leading to the related vocational programmes.”, Update: 27.12.2016
http://eng.uvm.dk/Education/Upper-Secondary-Education/Vocational-Education-and-Training-(vet)
Die Bildungsreform 2000 hatte ursprünglich 7 Berufsfelder vorgesehen. Die 6 gewerblichen Berufsfelder der Grundausbildung beinhalten Technologie und Kommunikation, Bau- und Anlagengewerbe, Handwerk und Technik, Lebensmittel, Gastronomie, Hotel- und Gastgewerbe, Maschinenbau, Transport und Logistik, Dienstleistung und das kaufmännische Berufsfeld Wirtschaft/Handel, Bürowirtschaft und Bankwesen, http://pub.uvm.dk/2000/deutsch/index.html, 28.07.2009

[9]
 neu: http://www.eng.uvm.dk/Education/Upper-secondary-education, 28.10.2015
vgl. http://www.eng.uvm.dk/Fact-Sheets/Upper-secondary-education, 29.12.2014

[10]
 www.fms-wien.eu, 12.09.2009

[11]
 aktuell:  http://eng.uvm.dk/Education/Upper-Secondary-Education/Vocational-Education-and-Training-(vet), Update: 27.12.2016,
(alt: http://pub.uvm.dk/2000/deutsch/hel.htm, 30.07.2009)

[13]
 http://www.bmwfw.gv.at/Berufsausbildung/LehrberufeInOesterreich/Seiten/default.aspx,
Lehrberufsliste: 197 Lehrberufe, (05.06.2013: 199 Lehrberufe):
siehe auch http://lehrberufsliste.m-services.at/index.php: Lehrberufsliste Online:  04.01.2016
http://www.bic.at/downloads/at/broschueren/lehrberufslexikon_2015.pdf, 14.10.2015
(alt: https://www.wko.at/Content.Node/Service/Bildung-und-Lehre/Lehre/Lehrabschlusspruefung/ooe/lehrberufsliste201306.pdf, 29.12.2014)

[14]
http://www.bmwfw.gv.at/Berufsausbildung/LehrlingsUndBerufsausbildung/Seiten/default.aspx, 05.01.2016,
http://web.archive.org/web/20091005030009/http://www.bmwfj.gv.at:80/BMWA/service/lehrlingsservice/default.htm, 27.09.2009

[15]
vgl. BGBl. I Nr. 82/2008

[16]
vgl. dazu die parlamentarischen Anfragebeantwortungen XXIV.GP.-Nr 1603/AB vom 20.05.2009 und XXIV.GP.-Nr 1697/AB vom 12.06.2009 durch Herrn Bundesminister Hundsdorfer, BMASK, www.parlament.gv.at, 13.06.2009 und 13.07.2009


vgl. Brus, “Die Zukunft der Lehrlinge”, Seite 13 fff 

 

Bildernachweise:
Human Rights Logo

Autor: Florian Haberstumpf, www.citizentimes.eu, 19.01.2014

Verfassen Sie einen Kommentar