Philosophie des aufrechten Gangs


Oskar-Negt

Lernen ist nicht nur eine Frage der Aneignung und der schnellen Addition von Informationen, sondern unabdingbar eine Frage der Fähigkeit, Informationen zu verarbeiten. [Zitat aus "Philosophie des aufrechten Gangs - Streitschrift für eine neue Schule, Seite 121, Zukunftsgedanken]

Oskar Negt, deutscher Sozialphiosoph

Flagge-Deutschland

Oskar Negt (2014), Die Philosophie des aufrechten Gangs

 

Streitschrift für eine neue Schule


Negt bricht eine Lanze für den Gemeinwesenauftrag der Schule, spricht sich für Schulen als öffentliche Einrichtungen aus und warnt vor Ausgliederungen und Privatisierungen:

“Schulen gehören zu den unverkäuflichen Gütern der Gesellschaft.” [1]


Wenn Negt von Orientierungsnotstand[2] (nicht Bildungsnotstand) spricht, wähnt er vor allem in der Leitwissenschaft Betriebswirtschaft und ihren (industriellen) Lehren einen Idealtypus an Zweckrationalität[3] (und Übel, Anm.), der, Max Weber zitierend, in allen Lebensbereichen zu “mechanisierter Versteinerung, einem stahlharten Gehäuse … und nichts Menschenfreundliches mehr ausdrückend” führe.[4]


Dass eine auf betriebswirtschaftliche Zeitmaße und Produktionsvorgänge reduzierte Realität (in) der Schule “im Sinne dieses Rationalisierungsgebarens immer stärker Autofabriken … angenähert werde[5]“, fordere die Rückkehr zu einem umfassenden Begriff an vernünftiger, menschenwürdiger Bildung als Leitnorm[6], “zu lebendiger Arbeit, zu Persönlichkeitsbildung, zu Erziehung, die das Urteilsvermögen der Menschen stärkt und sie mit Eigenschaften ausstattet, die ihnen ein autonomes und selbständiges Leben ermöglicht[7] – und die Fähigkeit zur Orientierung als wesentliches Merkmal von Bildung”[8].


Negt fordert die Abkehr der entmündigenden Abhängigkeit von “Vormündern” und einschüchternder Autoritäten[9], indem er den jungen Menschen in Anlehnung an Stéphane Hessel sagt: “Seht Euch um, dann werdet Ihr Themen finden, für die sich Empörung lohnt. – So ist es, die Schule ist ein solches Thema …”[10].


Ein einziger Schulversuch, wie die von Negt mitbegründete Glocksee-Schule, werde die Mächtigen dieser Welt nicht beunruhigen, da sie in der Diktion der Betriebswirtschaft als Warentestverfahren gesehen werde. Tausende davon, die sich miteinander verbinden, werden zur Veränderung der Bildungslandschaft beitragen und zu jenem Versuchsgeist werden, von der jede demokratische Gesellschaftsordnung, wenn schon nicht träumt, so doch lebt.[11]


Negt schlägt vor

– früh genug anzufangen, die jungen Köpfe an eine Reflexion zu gewöhnen,[12]

– kreativen Vorgängen Vorrang vor außengeleiteten Zeit-Kosten-Paradoxien einzuräumen[13],

– auf die Integration der Menschen zu setzen und damit (Ver-)Bindungskräfte freizusetzen,[14]

– die Gleichrangigkeit kognitiven, sozialen und emotionalen Lernens anzuerkennen,[15]

– (sich) Fähigkeiten der Informationsverarbeitung (nicht nur der -aneignung) beizubringen,

– Unterscheidungsvermögen und kritische Urteilskraft zu entwickeln,[16]

– innengeleitete Prozesse zur Heranbildung von Schlüssel-Kompentenzen zu ermöglichen,

Identitäts ‑ Kompetenz,
interkulturelle Kompetenz,
Gerechtigkeits ‑ Kompetenz,
ökonomische Kompetenz,
ökologische Kompetenz,
technische Kompetenz,
historische Kompetenz,
und als META ‑ Kompetenz folgendes heraus-zu-bilden:

die Herstellung von Zusammenhang[17], jenes Zusammenhang
lebendiger Beziehungen des Kindes zur gesellschaftlichen Wirklichkeit[18],

– urteilsfähige, mündige Bürger heran-zu-bilden,

“die entscheiden können, in welcher Gesellschaft sie leben wollen:[19]
in einer Ordnung, in der Machteliten definieren, was richtig und falsch ist, oder

– in eine lebendige Partizipation einzutreten, die unser Leben betrifft.”[20]


[ im August 2014 ]

 


[1] Oskar Negt (2014:120), Philosophie des aufrechten Gangs, Streitschrift für eine neue Schule, Steidl, Göttingen

[2] vgl. ebd (2014:19ff)

[3] vgl. ebd (2014:17f)

[4] ebd (2014:15)

[5] ebd (2014:18)

[6] vgl. ebd (2014:18)

[7] ebd (2014:18)

[8] ebd (2104:20)

[9] vgl. ebd (2014:22)

[10] ebd (2014:7),
vgl. auch Stéphan Hessel (2012), Empört Euch!, 20. Auflage, Ullstein Streitschrift, Berlin,
vgl. auch Stéphan Hessel (2013); Engagiert Euch!, 9. Auflage, Ullstein Streitschrift, Berlin

[11] vgl. ebd (2014:13)

[12] vgl. ebd (2014:25)

[13] vgl. ebd (2014:122)

[14] vgl. ebd (2014:98)

[15] vgl. ebd (2014:83, 98)

[16] vgl. ebd (2014:122)

[17] vgl. ebd (2014:34)

[18] vgl. ebd (2014:70)

[19] ebd (2014:120)

[20] ebd (2014:39)

 

Bildernachweise:

Oskar Negt
http://www.haz.de/Nachrichten/Kultur/Buecher/Oskar-Negt-stellt-Der-politische-Mensch-vor,
Artikel vom 03.06.2010, Abfrage: 05.08.2014

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