Schul-Sozialarbeit wird nachgefragt


Khalil Gibran

Die Sonne lehrt alle Lebewesen die Sehnsucht nach dem Licht, doch ist es die Nacht, die uns alle zu den Sternen erhebt.

Khalil Gibran (* 1883 + 1931), libanesisch-amerikanischer Maler, Philosoph und Dichter

 

Sozialarbeit: Sozialpolitik in der Praxis

Nachfrage steigend

 

In ihrer Begrüßung zur Veranstaltung “Sozialarbeit: Sozialpolitik in der Praxis”[1] wies Nationalratspräsidentin Prammer darauf hin, dass sie zur Veranstaltung deshalb ins Parlament eingeladen habe, weil sie zusätzlich zu wichtigen ehrenamtlichen Tätigkeiten im sozialen Bereich, vor allem die professionelle hauptamtliche Arbeit, die Sozialarbeit, entsprechend würdigen wolle.


Sozialminister Hundstorfer nannte in seinem Impulsreferat unter anderem die Beratung von Jugendlichen als wichtiges Einsatzfeld von SozialarbeiterInnen und bedauerte, dass die Verabschiedung eines österreichischen Berufsgesetzes für SozialarbeiterInnen (wieder einmal, Anm. des Verfassers) nicht gelungen sei, wiewohl man jetzt einen Vorstoß in Richtung eines Vorzeige-Landesgesetzes in Wien wagen wolle.


Frühzeitige soziale Hilfe ist entscheidend
Diesbezüglich stimmt Hundstorfer mit der Leiterin der Schulpsychologie – Bildungsberatung Wien, Zeman, überein, die in einem ORF‑Interview anmerkt:

„Es müsse erst gar nicht zur Eskalation kommen, wenn man intensiv mit Kindern arbeite, die Probleme haben.“ 

Für Zeman sind zusätzliche Ressourcen unumgänglich:

„Ich brauche speziell ausgebildete Lehrer an den Schulen. Ich brauche unbedingt Schulpsychologen, ich brauche Schulsozialarbeiter.“ [2]


Wird die Nachfrage nach SchulpsychologInnen als „unbedingt“ klassifiziert,

so wird der Bedarf nach SchulsozialarbeiterInnen zumindest schon offen aus- und angesprochen.
Damit liegt die Schulpsychologin im Trend!


Auch die ÖLI-UG fordert
in einer Aussendung an die APA[3] für die Schule der Zukunft – als offenen Lern- und Lebensraum:

– ausreichende Ressourcen für   entsprechende Schul-Räume und
– motiviertes, professionell, eigenverantwortlich arbeitendes Personal zur Verfügung zu stellen:

LehrerInnen, SozialarbeiterInnen, PsychagogInnen,
Sonder- und FreizeitpädagogInnen und Verwaltungspersonal,
das die PädagogInnen von administrativen Tätigkeiten entlastet.


Mittlerweile ist es dringend notwendig,
ein eigenes Ressort für Schulsozialarbeit auf Bundesebene zu schaffen.

Ressortleiter Krötzl (I/9 BMUKK) jedenfalls setzt darauf,
Potenziale der Schulsozialarbeit im Pilotprojekt “Schulsozialarbeit in Österreich” aufzuzeigen.

Zieldefinitionen divergieren naturgemäß bei den Beteiligten.

Dem Metaziel der Erforschung von ” Schulverweigerung und Schulabsentismus” wollen alle gerecht werden, um der Kofinanzierung des Projekts aus dem Europäischen Sozialfonds (ESF) zu entsprechen.

Das BMUKK als projektleitende Organisation ist bemüht, Qualitätsstandards für Schulsozialarbeit zu entwickeln und
Verantwortliche und Beteiligte von Schulsozialarbeitsprojekten an einen Tisch zu bringen.

 

Der erste Forschungsbericht zur “Darstellung unterschiedlicher Implementierungsformen”
seitens des Ludwig Boltzmann Institute Health Promotion Research (LBIHPR)
als evaluierende Organisation lässt ahnen,

dass das Ziel zur Schaffung einer Wissensgrundlage, die
– zur Entwicklung von Mindeststandards sowie
– zur Schärfung eines Berufsbildes von SchulsozialarbeiterInnen bis Ende 2012 herangezogen werden kann, ambitioniert angestrebt wird.


Trägervereine in den Bundesländern sehen im Pilotprojekt einerseits (wieder einmal) die Chance,
Schulsozialarbeit auf eine Ebene zu heben,
die ein künftiges Aushungern oder gar die Absenz von Schulsozialarbeit

– nicht von SchülerInnen –

verhindern soll.

Zumindest soll in der Projektlaufzeit eines erreicht werden:
der Forderung Nachdruck zu verleihen, Schulsozialarbeit zu etablieren.

 

Andererseits gehen 10 Projektträger davon aus,

dass auf Grund der zeitlichen Befristung des Pilotprojekts,
Schulsozialarbeit ab dem Schuljahr 2012/2013 nicht weiter aufrechterhalten werden kann.

Vertreter eines Trägervereins betonen,
dass „der Fokus der Schulsozialarbeit derzeit auf die „Spitze des Eisberges“ gerichtet sei!“[4]

 

Meiner Meinung nach ist Schulabsentismus nicht das Spitzenproblem.
Geldstrafen fürs Fernbleiben zu verdoppeln,
den Familien damit noch mehr auf der Tasche zu liegen,
bringt dem maroden Staatssäckel nicht einmal den Tropfen auf den heißen Stein,
auch wenn “Schulschwänz-Beauftragte” dafür (wofür?) sorgen wollen.

 

Viel wichtiger erscheint es mir, Problemlagen in den Lebenswelten von Kindern/Jugendlichen und Familien zu hinterfragen:

“Warum kommen Kinder nicht in die Schule?
Warum können sich Mütter und Väter nicht mehr um ihre Kinder kümmern?
Warum sind/werden Menschen (verhaltens)auffällig?
Liegt es vielleicht daran, dass Ökonomie über die Familie gestellt wird?”


Schulsozialarbeit hilft

SchülerInnen fragen vor allem nach Einzel-Beratungen und -Gesprächen,
gefolgt von Konfliktberatungen und Gruppenarbeiten in Klassensettings.

Eine zweite, aktiv nachfragende Personengruppe
beinhaltet Erziehungsberechtigte und Lehrpersonen.

Sie loben Schulsozialarbeit   

wegen ihres unkomplizierten, niederschwelligen Zugangs,
der Schweigepflicht und Vertraulichkeit.
Kooperationspartner für SchulsozialarbeiterInnen in den Schulen sind vor allem Lehrpersonen,
hier vermehrt jene, die auch Beratungsfunktionen innehaben und … SchulwartInnen!


SchülerInnen
, LehrerInnen, Eltern, ja sogar Landespolitiker und Landesschulräte[5],
brauchen von Schulsozialarbeit nicht weiter überzeugt zu werden.

Sie fordern klare Rahmenbedingungen für Abgrenzungen,
Überschneidungen und Gemeinsamkeiten mit den Schulsystemen –
und vor allem ein gesetzliches Bekenntnis zu Schulsozialarbeit.


20 evaluierte Projektträger[6] bieten in 24 Projekten Schulsozialarbeit in circa 4% aller österreichischen Regelschulen an.

Als großen Wermutstropfen sehe ich das Betreuungsverhältnis von bis zu 1953 betreuten SchülerInnen pro vollzeitangestellter SchulsozialarbeiterIn[7] an – noch …


Wie es uns gelingt,   die Verfügbarkeit von SchulsozialarbeiterInnen
an Österreichs Schulen trotz Kostendrucks weiter zu steigern,
lesen Sie in einer der nächsten Folgen: Schulsozialarbeit wird leistbar.


[ Dieser Artikel ist auch in der Zeitschrift “Kreidekreis”, 2/2012, erschienen, April 2012]


[1] Veranstaltung im Parlament, 16.03.2012: Soziale Arbeit ist Sozialpolitik in der Praxis,
http://www.parlament.gv.at/PAKT/PR/JAHR_2012/PK0206/index.shtml

[2]  Simon Hadler, 14.03.2012, ORF.at, http://news.orf.at/stories/2108762/2108763/, 18.03.2012

[3] Vgl. Presseaussendung vom 20.03.2012

[4] neu: vgl. https://bildung.bmbwf.gv.at/schulen/pwi/pa/schulsozialarbeit.html, 04.02.2018
vgl. https://www.bmb.gv.at/schulen/pwi/pa/schulsozialarbeit.html, 03.07.2016
vgl. https://bildung.bmbwf.gv.at/schulen/pwi/pa/schulsozialarbeit.html, 30.11.2015
vgl.  http://www.bmbf.gv.at/schulen/pwi/pa/schulsozialarbeit.xml, 15.11.2014
vgl. http://www.bmukk.gv.at/schulen/pwi/pa/schulsozialarbeit.xml, 21.03.2012.

[5] neu: vgl: https://bildung.bmbwf.gv.at/schulen/pwi/pa/ssa_vernetzungstreffen_01_20264.pdf?4eysu2, 04.02.2018
vgl. https://www.bmb.gv.at/schulen/pwi/pa/ssa_vernetzungstreffen_01_20264.pdf?4eysu2, 03.07.2016
vgl. https://www.bmbf.gv.at/schulen/pwi/pa/ssa_vernetzungstreffen_01_20264.pdf?4eysu2, 15.11.2014
vgl. http://www.bmukk.gv.at/medienpool/20264/ssa_vernetzungstreffen_01.pdf, 24.06.2011

[6] neu: vgl. https://www.bmb.gv.at/schulen/pwi/pa/ssa_oesterreich_pppma_22070.pdf?4eysu2, 03.07.2016,
vgl. https://www.bmbf.gv.at/schulen/pwi/pa/ssa_oesterreich_pppma_22070.pdf?4eysu2, 15.11.2014,
vgl. http://www.bmukk.gv.at/medienpool/22070/ssa_oesterreich_pppma.pdf, 21.02.2012

[7] Der diesbezügliche Schweizer Vergleichswert des Vollzeitäquivalents liegt bei 400 SchülerInnen.

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