Caner lernt Schulsozialarbeit kennen

Meine
Gedanken geben Hinweise, welche Überlegungen für   mich   ausschlaggebend sind,
eine Schule zu gründen und die   mir   anvertrauten   Jugendlichen   bestmöglichst zu fördern:

Die Zukunft der Lehrlinge - Wie wir unsere Jugendlichen fördern können
Brus, Günter H. (2010), Books on demand, Nordersted


Dieses Kapitel beschäftigt sich mit Menschen und Strukturen,
die Jugendlichen in der Schule und im Umfeld der Schule
Hilfestellung und Halt geben können.

[ Die Namen wurden geändert ]
 


Caner lernt Schulsozialarbeit kennen .

Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter fungieren als kundenorientierte Case‑Manager und
sind Ansprechpartner für alle Beteiligten an einem Einzelfall (Case) für Schüler und Jugendliche,
für Erziehungsberechtigte, für Lehrer und Direktoren, für (potentielle) Arbeitgeber,
für Menschen aus der Lebenswelt der Jugendlichen und für die Gesellschaft.

 

„Schulsozialarbeit ist also eine zusätzliche Ressource,
die die pädagogische Qualität der Schule weiterentwickeln hilft und
das Repertoire pädagogischer Arbeitsformen und Lernchancen erweitert.“

Thomas Olks
Definition der Schulsozialarbeit in der kooperativen Form eines integrativen Ansatzes
 

Die Geschichte von Caner - Caners Freunde

Caner ist vor einigen Monaten 13 Jahre alt geworden, er wurde in der Türkei geboren,
lebt seit 8 Jahren mit seinem Vater in Österreich und wohnt bei seiner Oma in Wien.
Mit ihm besuchen 9 Mädchen und 17 Buben eine 3. Klasse einer Hauptschule in Wien.
Für Caner ist es die 7. Schulstufe,
obwohl einige Mitschüler seiner Klasse schon die 9. Schulstufe absolvieren.

Nur Dominik, der bei der Türe sitzt, hat österreichische Vorfahren.
Alle anderen Schüler der Klasse sind Kinder mit so genanntem Migrationshintergrund.
Caners beste Freunde sind wie er türkischstämmig, bis auf Denis, der ist Wiener.

Manche Schüler in seiner Klasse haben schon die österreichische Staatsbürgerschaft.
Ungefähr die Hälfte der heranwachsenden Jugendlichen hat noch
ihre heimatliche Staatsbürgerschaft, so wie Caner die türkische.
Es gibt auch noch Kinder aus Ex-Jugoslawien, Polen und Rumänien.

Daniel ist erst vor kurzem eingeschult worden,
nachdem er mit seinen Eltern aus Rumänien nach Österreich gekommen ist.
Daniel versteht nur wenig Deutsch, seine Sitznachbarin, die ein wenig Rumänisch versteht,
übersetzt für Daniel, wenn es die Lehrer zulassen und es nicht zuviel stört.

Caner fühlt sich in seiner Klasse wohl, er ist gut integriert und
seine Noten liegen zwischen „sehr gut“ und befriedigend“.

Nur manchmal nerven die Mädchen…

 

Caners Lehrerin und die Gespräche mit der Beratungslehrerin

Caners Lehrerin, Frau Barbara, ist auch Klassenvorstand in der Klasse.
Sie spricht mit der Beratungslehrerin über ihre Klasse.


Frau Lehrerin Barbara hat beobachtet,
dass in der Klasse  die Aggressionen unter den Schülern zunehmen.
Sie führt das unter anderem darauf zurück,
dass fast die Hälfte der Schüler der Klasse überaltrig ist,
das heißt,
dass sie in der 3. Klasse Hauptschule bereits die 8. Schulstufe oder die 9. Schulstufe besuchen.

Die Hälfte ihrer Schützlinge ist so alt wie Caner.
Diese Altersgruppe beschäftigt sich naturgemäß mit
anderen Formen der Freizeit- und Schulgestaltung,
als ihre zum Teil um 2 Jahre jüngeren Schulkameraden.

Da kann es schon einmal vorkommen, dass schwache Schüler am Weg zur Schule oder
von der Schule nach Hause verprügelt werden, dass in der Schule die Rede davon ist,
dass nach der Schule Alkohol, Zigaretten oder Drogen konsumiert werden, und
dass ein Schüler ein Springmesser mit in die Schule bringt,
das er stolz seinen Mitschülern präsentiert.

Natürlich gehen die Einen am Abend schon länger fort,
während die Anderen zu Hause Uno spielen.
Manche Schüler kommen am Morgen verspätet zur Schule,
weil sie müde vom nächtelangen Computer-Spielen sind,
manche Schüler fehlen unentschuldigt.
Entschuldigungen bringen sie, von den Eltern unterschrieben, auf Verlangen nach.
Hausübungen fehlen oft oder sind mangelhaft.

 

Gerne ist die Beratungslehrerin bereit,
sich um verhaltensauffällige Schüler der Klasse zu kümmern.
Die Lehrerin braucht sie ihr nur zu schicken.
Die Lehrer wissen ja aufgrund des Aushangs im Konferenzzimmer,
wann Beratungsstunden stattfinden können.

Zurzeit sei sie ausgebucht,
aber so in 2 bis 3 Wochen hat sie wieder Termine frei.
Und wenn die Lehrerin will,
hört sie sich auch gerne die Problemlagen einzelner Gruppen der Klasse an oder
kommt auch gerne in die Klasse, allein oder als Unterstützung der Lehrerin.

„Nur mit der Zeit ist das so ein Problem...“

 

Frau Lehrerin Barbara will nicht so lange warten.
Sie hat gehört, dass es im Bezirk schnellere Hilfe geben soll. Das will sie jetzt wissen.

 

Schülerberatung und Beratungslehrer an der Schule

Die Schülerberatung ist in allen Schulsparten durch Erlässe seitens des
Bundesministeriums für Unterricht, Kunst und Kultur, Sektion V, Abteilung V/4,
Schulpsychologie-Bildungsberatung und Schulinformation, geregelt.

Die Schülerberatung ist die spezifische Beratungstätigkeit durch eine,
in den Lehrkörper voll integrierte Lehrperson.
Diese kann die notwendigen Zusammenhänge zwischen einem individuellen Problem und
einer schulischen Situation herstellen und bei der Lösungsfindung unterstützen.

Die Schülerberaterin bzw. der Schülerberater verfügen
durch ihre Vertrauensstellung im Lehrkörper und bei den Schülern
über Möglichkeiten der klärenden Übersichtsgewinnung,
wie dies sonst kaum jemand möglich ist,
wobei eine nachfolgend oder parallel durchgeführte, koordinierende Tätigkeit
nicht ausgeschlossen ist.

 

Die Beratungslehrertätigkeit besteht einerseits in einer akuten Auffangfunktion
bei persönlichen und zwischenmenschlichen, mit der Schule zusammenhängenden Problemen
(Problemberatung),
in der beratenden Begleitung bei Orientierungsproblemen in der Schullaufbahn
(Informationsberatung) und
in der Hilfe bei Kooperationsfragen
(Systemberatung).

Die Möglichkeit der individuellen Beratung und Begleitung
ist ein besonderes Charakteristikum der Schülerberatung.

Die Schülerberatung definiert sich durch die Methoden

der Personenorientierung,
der Bildungsorientierung und
der Lösungsorientierung.

Die Personenorientierung sieht Methoden auf der individuellen Ebene vor, das heißt,
dass Beratungen, Beratungsinstrumente und -inhalte auf den Einzelnen abgestimmt werden.

Die Bildungsorientierung zielt auf bildungsmäßige Rahmenbedingungen
innerhalb der Schule ab und beschäftigt sich
mit am Bildungssystem orientierten Beratungsmöglichkeiten, deren Instrumenten und Inhalten.

Die Methodik der Lösungsorientierung definiert die zeitliche Komponente,
die zu jeder individuellen Entscheidungshilfe, Problemlösung und Realisierungsentscheidung
situativ dazu gehört.
Darunter fallen zum Beispiel Anmeldungstermine bei Laufbahnentscheidungen,
Probleme zum Semester- bzw. Schuljahresschluss und vieles mehr.


Die Schülerberatung besteht im Heranbringen von Information an die Rat suchende Person
(Moderationsfunktion) und
im Heranbringen der Rat suchenden Person an die jeweils individuell passenden Bildungsmöglichkeiten (Beratungsfunktion)
und weist somit auch die Funktion der Lösungsorientierung auf.

 

Sozialarbeit an der Schule

Schulsozialarbeit schließt als Oberbegriff alle Aktivitäten ein, die dazu geeignet sind,
Konflikte und Diskrepanzen bei Schülern, Eltern und Lehrern
auf der Grundlage adäquater Methoden der Sozialarbeit bzw. Sozialpädagogik
innerhalb der Schule oder auf die Schule bezogen, abzubauen.


So können Situationen im Unterricht,wie auch soziale und psychische Konstellationen
der genannten Personengruppen verbessert werden.
Eingesetzte Aktivitäten sollen gleichzeitig zu einer Öffnung der Schule
nach innen und außen beitragen,
sie sollen eine soziale Verbesserung des Schullebens erwirken.

Eine Zusammenarbeit mit weiteren öffentlichen und privaten Einrichtungen,
die sich im Umfeld der Schule befinden, ist unabdingbar.

Grundsätzlich können drei Grundbereiche von Schulsozialarbeit definiert werden.
Für den Autor sind diese Definitionen hilfreich, aber nicht zwingend.
Ausgehend von seinen multiprofessionellen Tätigkeiten leitet der Autor ab,
dass die Übergänge fliesend sind und
nicht in ein Schema von drei Grundbereichen gepresst werden können.

Dessen ungeachtet umfasst Schulsozialarbeit
Bereiche im und außerhalb des Unterrichts an der Schule und
den Bereich des außerschulischen Umfelds.

 

In Caners Klasse findet eine Mediation statt

Der Klassenvorstand von Caners Klasse, Frau Lehrerin Barbara, hat ihre Beobachtungen
zum aggressiven Verhalten ihrer Klasse an ein Team von Mediatoren weitergegeben,
die in einem gemeinnützigen Verein in Wien organisiert sind, den der Bezirk finanziert.

Telefonisch wird ein kurzfristiger Termin vereinbart.
Die Lehrerin möchte, dass das Mediatoren‑Team ihr dabei hilft,
die Beobachtungen ihrer Klasse zu entkräften oder zu bestätigen.
Wenn letzteres geschieht, sollen Wege gefunden werden, mit der Klasse besser umzugehen.

Frau Lehrerin Barbara hat ihre Klasse informiert, dass heute zu Schulbeginn um acht Uhr
auch zwei Personen in der Klasse sein werden,
die dafür ausgebildet sind,
klärende Gespräche zu führen und bei Konfliktlösungen mitzuwirken.

Die Gespräche können Probleme und Krisen innerhalb der Schule betreffen.
Die Mediatoren werden mit allen beteiligten Personen reden, entweder einzeln,
oder in Gruppen, oder mit der ganzen Klasse,
mit Lehrern und wenn es notwendig wird, auch mit den Eltern, den Erziehungsberechtigten,
aber auch mit Personen aus dem schulischen Umfeld der Schüler,
wenn es sich so ergeben sollte.

Diese Personen werden dann in die Schule eingeladen. Ziel ist es, mitzuhelfen,
ein Problem oder einen Konflikt gemeinsam mit allen Beteiligten zu lösen.

 

Caner ist schon gespannt.
Er weiß nichts von einem Konflikt in der Klasse.
Ja, manchmal streiten sich ein paar Burschen in der Pause, sie schlagen sich,
aber das ist doch nichts Ernstes.
Das Schlagen signalisiert den anderen ja nur,
dass man stark genug ist, sich im Notfall zu verteidigen.
Wie soll man sich schon verteidigen, wenn man es vorher nicht übt.
Also üben wir in der Pause.

 

Die Lehrerin leitet kurz die Stunde ein.
Auf Verlangen der Mediatoren verlässt sie danach die Klasse.
Die Mediatoren wollen sich ein eigenes Bild von der Situation machen und
fragen Caner und seine Mitschüler, ob sie sich vorstellen können,
warum sie, die Mediatoren, heute in der Klasse sind?

Die Schüler wissen ganz genau,
welche Probleme es in der Klasse gibt,
wer mit wem Streit hat,
wer wen leiden kann und
wer wen nicht leiden kann.

Und die Schüler wissen auch genau,
welche Lehrerinnen und Lehrer wie auf welche Situationen reagieren.

 

Die Zielsetzung der Mediatoren liegt darin, die Lehrerin, Frau Barbara, dabei zu unterstützen,
Möglichkeiten zur Eindämmung von Konflikten in der Klasse zu finden.
In weiterer Folge möchte die Lehrerin am Liebsten
keine aggressiven Handlungen mehr in ihrer Klasse erleben.


Die Mediatoren versichern der Klasse, dass alles,
was im Beisein der Mediatoren gesprochen wird,
nicht weitergegeben wird,
auf keinen Fall an die Lehrerin oder an Kollegen der Lehrerin.

Caner fragt, wie das denn gehen soll, dass die Lehrerin nichts davon erfährt. Ganz einfach:

„Wenn es niemand aus eurer Klasse erzählt, wir Mediatoren erzählen es auch nicht weiter –
  außer – ihr, die Klasse oder eine Gruppe aus der Klasse, wenn es um eine Gruppe geht,
  gibt uns dazu die Erlaubnis oder bittet uns sogar, etwas mit der Lehrerin zu besprechen.“

Das beruhigt.
Als die Mediatoren nach einer Stunde die Klasse verlassen, wissen sie bereits einiges
über Klassenklima, Schulklima und
die klimatische Lage zwischen einzelnen Schülerinnen und Schülern.

Bevor die Mediatoren die Klasse verlassen, löschen sie noch die Tafel,
auf der sie sich einige Notizen zur Lage der Schüler und der Klasse gemacht haben und
sagen uns noch, dass sie nächste Woche wieder kommen.

Natürlich passen einige Schüler, im Speziellen Caner, darauf auf,
was die Mediatoren mit der Lehrerin besprechen.
Aber die besprechen gar nichts mehr mit der Lehrerin und
verlassen ohne Zwischenstopp die Schule.

 

Schulsozialarbeit im Unterricht

Im Vordergrund steht im innerschulischen unterrichtlichen Bereich
die Förderung des Sozialverhaltens und der Gruppenfähigkeit der Schüler im Schulverbund,
wobei es im Speziellen darum geht,
das Verhalten von Schülern im Unterricht positiv zu beeinflussen.


Zwei Fragen,
die sich die Sozialarbeiterin bzw. der Sozialarbeiter in jedem Fall (Case !?) stellen sollten,
sind folgende:

“Wem nützt die Einhaltung oder Erlangung einer positiven Grundhaltung zum Unterricht seitens der Schüler?“

– und –

„Ist der Nutznießer im Kreise der Schüler oder im Kreise des Lehrenden zu suchen bzw. zu finden?“ 

Beide Fragen klingen zwar ähnlich,
müssen aber nicht langläufig zum gleichen Ergebnis führen.

 

Schulsozialarbeit sollte auf keinen Fall dazu dienen,
Disziplinierungsmaßnahmen ersatzweise an Stelle des Lehrkörpers vorzunehmen oder
Disziplinierungen seitens des Lehrkörpers gar an die Schulsozialarbeit
auszulagern und zu delegieren.

Die Fähigkeit der Lehrenden zur Kooperation begünstigt jedenfalls die soziale Arbeit.
Wesentlich anzumerken ist auch,
dass einige der Beratungs- und Betreuungsleistungen aktuell bereits durch
Beratungslehrer abgedeckt werden und Überschneidungen daher vorkommen können.

Ich empfehle daher, Tätigkeiten und Zuständigkeiten
in enger Abstimmung mit den Beratungslehrern zu koordinieren.

 

Caner begleitet Alexander in ein Kommunikationszentrum des KUS

Alexander ist ein Freund von Caner.

Alexander ist 17 Jahre alt und wohnt in der Nähe von Caner,
die beiden kennen einander aus dem Park,
wo sich die Jugendlichen immer wieder nach der Schule,
am Nachmittag und auch am frühen Abend treffen.

Alexander lernt Spengler an der Siegfried Marcus Berufsschule in Wien.
Caner interessiert sich auch für Kraftfahrzeuge, weil sein Vater in der Branche arbeitet.
Alexander schlägt seinem Freund vor,
dass er ihn am Mittwoch am Nachmittag von der Berufsschule abholt.
Da könne er ihm gleich einiges zeigen von der Berufsschule.

Und außerdem hat am Mittwoch das „freeway5“ auch länger offen.
Da können wir ein bisschen herumknotzen, plaudern und Musik hören.
Die haben einen echt guten Sound, außerdem einen Tischtennistisch,
einen Wutzler, eine Dart‑Scheibe und einen Billardtisch.
Caner gefällt, was ihm sein Freund Alexander erzählt.

[ 'Anmerkungen des Autors:
   Das KUS-freeway5 ist eines von 13 Kommunikationszentren, das durch den KUS,
  Kultur- und Sportverein der Wiener Berufsschulen,
  als Netzwerk für Bildung, Soziales, Sport und Kultur
  an Standorten der Berufsschulen betrieben wird ...

  Wutzler = wienerisch/österreichisch = Tischfussball‑Tisch
                                                   bzw. = der oder die Spieler an einem Wutzler ... ]

 

Mittwoch fährt Caner in die Scheydgasse,
um seinen Freund nach dem Unterricht an der Berufsschule abzuholen.
Er wartet vor der Schule auf Alexander.
Mit ein paar anderen Schülern kommt Alexander heraus.
Er begrüßt seinen Freund und gemeinsam gehen sie ins „freeway“ oder `f5`,
wie es von den Schülern auch genannt wird.

 

Caner ist erstaunt.
Das Kommunikationszentrum ist gut besucht.
Viele Jugendliche sind da.
Es läuft alles ganz ruhig und freundlich ab, niemand nimmt Notiz von den Neuankömmlingen.
Einige Jugendliche nutzen die Zeit, um zwischendurch, in der Pause, auszuspannen.
Caner sieht sich um.
Alles so, wie es Alexander beschrieben hat.
Auch im Internet kann man surfen.
Es gibt eine aktuelle Tageszeitung und jede Menge Fachzeitschriften und
Informationsbroschüren über Arbeit und Arbeitsrecht, Beziehung,
Partnerschaft und Sexualität, Bundesheer und Zivildienst, Drogen und Sucht, Gesundheit.
 

Dann gibt’s noch eine Pinwand mit Zetteln drauf, wenn jemand etwas privat verkaufen will.
Alexander zeigt Caner auch den Kopierer.
Der ist ganz wichtig, wenn man etwas zu kopieren hat, für die Schule oder privat.

„Und wenn ich einmal gar nicht weiß, was ich machen soll, aber das ist eher selten“
         erklärt Alexander seinem Freund,
„dann gibt’s immer wieder irgendetwas zum Mitmachen im ´f5´ oder im KUS.“

 

„Wenn ich etwas brauche, jemanden zum Reden oder so, wenn ich Probleme habe,
  dann kann ich zu den Betreuern gehen.

  Die sind echt cool und helfen, wo sie können.
  Das sind Sozialarbeiter oder Sozialpädagogen oder so.
  Auf jeden Fall sind das keine Lehrer. 

  Da kann ich auch hingehen, wenn ich Zoff mit einem Lehrer oder meinem Chef habe,
  oder wenn meine Eltern wieder verrückt spielen.“

 

Caner ist überwältigt.
Alexander und Caner bleiben, bis das ´f5´ um 17 Uhr zusperrt.
Caner träumt bereits von der Berufsschule und vom Kommunikationszentrum.

 

Schulsozialarbeit außerhalb des Unterrichts in der schulischen Freizeit

Der schulische Freizeitbereich bietet Schulsozialarbeitern Möglichkeiten zu einer ersten oder
zu weiteren Kontaktaufnahmen mit Schülern, die persönliche oder schulische Probleme haben.


Schulsozialarbeit grenzt sich dabei klar gegen
Animation und Aktivitäten zur reinen Beschäftigung ab.

Eines der aktuell bekanntesten Arbeitsfelder für die Schulsozialarbeit
im innerschulischen Freizeitbereich ist die Beratung und Betreuung von Schülern
bei der Gestaltung ihrer Freizeiträume und Freizeitaktivitäten
in Zusammenhang mit der in Umsetzung befindlichen Ganztagesschule in Österreich.

Nicht immer werden die vorgenannten Tätigkeiten von der
Profession der Sozialarbeit wahrgenommen.
 

Einen immer größer werdenden Aktionsbereich der Schulsozialarbeit bieten
die Kontaktmöglichkeiten zu außerschulischen Organisationen und Institutionen.
Damit sind nicht nur Kontakte zur Jugendwohlfahrt und staatlichen oder staatsnahen Jugend-,
Beratungs-, Kontroll- und Disziplinierungseinrichtungen gemeint,
sondern auch die Durchführung von regelmäßigen, organisierten,
geführten außerschulischen Freizeitaktivitäten und Wochenendprogrammen und
das Errichten von Treffpunkten für Schüler an Schulen.


Auf einen an Wichtigkeit kaum zu überbietenden Punkt sei am Ende
dieses Absatzes hingewiesen -
insbesondere auf die Abhaltung von Workshops zur Orientierung Jugendlicher an Werten,
zum Abbau von Vorurteilen und zur Prävention von Aggressionen.

Darin bestärkt uns die „Shell‑Jugendstudie 2006“.
Im Speziellen zeichnet die Jugendstudie ein ermutigendes Bild,
wenn es um Leistung und gesellschaftliches Engagement der Jugendlichen geht,
vor allem betreffend den qualitativen Schwerpunkt der Studie,

„Jugend in einer alternden Gesellschaft“.

Wertorientierungen wie Freundschaft, Partnerschaft, Familie und
Kontakte zu anderen Menschen nehmen in der Studie einen hohen Stellenwert ein.
Ganz klar erkennen unsere Jugendlichen aber auch, womit sie Schwierigkeiten haben.
Speziell wenn es um Apathie und Aggression, um Familie, Kirche und Religiosität,
um ihr Gesundheitsverhalten und
vor allem um die Ungleichverteilung von Bildungschancen geht.

[ Anmerkungen des Autors:

  vgl. dazu die „15. Shell‑Jugendstudie 2006“ (2006:38-44):
  Bereits seit 1953 beauftragt das Energieunternehmen Shell
  führende Forschungsinstitute mit der Erstellung von Studien,
  um Einstellungen, Stimmungen und Erwartungen von Jugendlichen zu dokumentieren.
  Aufgrund seines großen Umfanges, im Jahr wurden 2.532 Jugendliche im Alter von 12 bis 25
  aus den alten und neuen Bundesländern befragt,
  wird die Shell‑Jugendstudie auch gerne
  von den Nachbarländern Deutschlands als Referenz herangezogen,
  download auch unter www.shell.de möglich ...

  mit dem „Käfig“ ist in Wien ein schlichter, eingezäunter Asphalt-Platz gemeint,
  der Kindern und Jugendlichen ein abgesichertes Areal zur Freizeitbeschäftigung,
  meist zum Fußballspielen, bietet ... ]
 

Wir, jeder einzelne der Gesellschaft ist aufgerufen, jeden einzelnen Jugendlichen,
so gut sie oder er es kann, bei der Werteorientierung zu unterstützen.

 

Caners Freund Denis hat Probleme

Denis ist Wiener.

Denis wird bald 16 Jahre alt.
Früher ist auch er in die Schule von Caner gegangen.
Daher kennen Caner und Denis einander.
Nach der Schule haben sie sich des Öfteren im Käfigzum Fußballspielen getroffen.
Sie wohnen beide gleich ums Eck, dass heißt, ein paar Gassen weiter von der Schule und
dem Park, wo sich die Jugendlichen am Nachmittag treffen,
zum Fußballspielen und um miteinander reden.

 

Seit neuem kommen in den Park auch andere Jugendliche, die noch nie da waren.
Diese Jugendlichen sind wesentlich älter als Caner, er schätzt sie auf 18‑19 Jahre.
Sie sitzen auf den Bänken und trinken Alkohol.
Und nach einiger Zeit kommen sie dann in den Käfig und
beginnen wild mit dem Ball herumzuschießen und
verdrängen dadurch die Gruppe von Caner und Denis.
Denis hat sich vorgenommen, etwas zu unternehmen.
Er wird mit seinen Freunden kommen und die Eindringlinge vom Platz verdrängen,
wenn nötig mit Gewalt.
Dafür hat er sich einen Schlagring zugelegt.
Nächsten Tag soll es soweit sein.

 

Die Schlägerei endet damit, dass Denis Prellungen und ein blaues Auge davonträgt,
seinen Freunden geht es ähnlich,
Caner hat blaue Flecken an den Armen und an den Füssen.

Das würde die beiden nicht so stören.
Wenn da nicht die Tatsache wäre, dass sie verloren haben und
die anderen Jugendlichen sie aus dem Park mit dem Käfig hinausgeworfen haben.
Und außerdem haben sie gedroht, wenn sie noch einmal kommen, dann geht es ärger aus.

Denis will sich das nicht gefallen lassen, in seiner Stadt.
Er plant schon die nächste Auseinandersetzung …

 

Caner ist nachdenklich.

 

Schulsozialarbeit im außerschulischen Umfeld

Bei Problemen, die Schüler in die Schule tragen oder in der Schule artikulieren,
wird es für Lehrerinnen und Lehrer zunehmend schwieriger,
diesen Problemen auch nachzugehen, vor allem,
wenn sie die unmittelbare Lehrtätigkeit beeinträchtigen.

 

Diesbezüglich ist es notwendig, eine gezielte Zusammenarbeit mit privaten Vereinen,
kommunalen, städtischen aber auch mit kirchlich und gewerkschaftlich
organisierten Gemeinschaften sicherzustellen,
um den Jugendlichen einerseits Kontaktmöglichkeiten bieten zu können oder zu bieten,
andererseits das soziale Miteinander im Gemeinwesen generell zu fördern.

 

Zur Abdeckung der Arbeitsbereiche der Schulsozialarbeit bietet sich die Methode des
Case‑Managements
an, auf die in einem eigenen Kapitel dieses Buches eingegangen wird.

 

Schwerpunkte der Schulsozialarbeit finden sich
in Beratung und Betreuung von Schülern, Eltern und Lehrenden, des Weiteren
in Kooperation und Vernetzung mit öffentlichen und privaten Institutionen
    und Einrichtungen des Gemeinwesens und 
in der Gestaltung von Freizeit und Freizeitaktivitäten durch die Schule
    für Zeiten außerhalb der Schule bzw. außerhalb der Schulzeit.

Ein Punkt,
der keinesfalls in Zusammenhang mit Schülern, Lehrlingen und Studenten fehlen darf,
sind Übergangshilfen von der Schule in die Arbeitswelt.
Diesbezüglich ist eine genaue Koordination und Abstimmung themenrelevanter Aktivitäten
zwischen Lehrenden und Schulsozialarbeitern vorzunehmen, um von vornherein,
präventiv, ungewollten Überschneidungen im Lehrplan
als auch in der sozialarbeiterischen Auslegung von Aufgabenstellungen
entgegenwirken zu können,
und damit zusätzliches Konfliktpotential zwischen den Professionen zu vermeiden.

Abgerundet werden die Arbeitsbereiche durch Qualitätssicherungssicherungsinstrumente
zur Evaluation und Weiterentwicklung der Schulsozialarbeit.

 

Was Schulsozialarbeit     NICHT     kann

Schulsozialarbeit ist keine Disziplinierungsinstanz der Schule oder anderer,
vor allem öffentlicher Institutionen,

„die sich auf Kriseninterventionen reduzieren lässt …
    und als Alibi für die Ziele anderer benutzen lässt“.

 

Schulsozialarbeit grenzt sich vom Pausenclown, von einer Reparaturstation,
von Feuerwehraktionen oder kurzfristigen Kriseninterventionen ab und
definiert sich im Sinne einer dauerhaften und gleichberechtigten Kooperation
als eigenverantwortliche Profession,
die als zusätzliche Ressource in die Schule integriert sein muss.

Nur so kann sichergestellt werden, dass beide Sozialisierungssysteme,
die Schule als auch die Sozialarbeit,
ihren jeweils eigenen Aufgabenstellungen gerecht werden können und vom Synergiepotential,
zum Wohle aller Beteiligten, profitieren können.

 

Was Schulsozialarbeit kann

Als primäres Ziel von Schulsozialarbeit wird immer wieder genannt, dass sie helfen soll,
die Entstehung von Verhaltensabweichungen im schulischen Bereich zu verhindern,
zumindest abzumildern,
und bereits vorhandene Auffälligkeiten bei Schülern zum Anlass nimmt,
sozialarbeiterisch rechtzeitig und effizient tätig zu werden.

 

Oftmals übersehen werden sekundäre Ziele.

Die Schulsozialarbeit bietet unzählige Möglichkeiten, präventiv tätig zu werden,
um einen späteren, vermehrten Zustrom von delinquent werdenden bzw. gewordenen Schülern
zur Jugendwohlfahrt oder anderen Sozialisationsinstanzen gering(er) zu halten.

 

Schulsozialarbeit fördert soziale Kompetenzen und stellt somit
eine wichtige, ergänzende Sozialisierungsinstanz zu Elternhaus, Schule und Gesellschaft dar.

Schulsozialarbeit geht von einer ganzheitlichen, kritischen, auch schulkritischen,
lebensweltorientierten Betrachtungsweise aus, die alle Beteiligten nicht nur in ihrer Schulrolle sieht,
sondern die Beteiligten und Betroffenen in der Gesamtheit ihrer lebensweltlichen Bezüge anspricht,
weil Schulsozialarbeit auf Kooperation ausgerichtet ist und somit alle Zielgruppen einbezieht.

 

Caner
wünscht sich jedenfalls eine gute Ausbildung in der Berufsschule und
in seinem künftigen Lehrbetrieb zu bekommen.

 

„Warum gibt es Sozialarbeiter und solche Kommunikationszentren
               eigentlich nicht an meiner Hauptschule?“

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